„Oskar Quengels Auftrag“, oder aus der KPD Geschichte lernen

Das Buch von Max Brym „ Oskar Quengels Auftrag- Für Kippenberger bei General von Schleicher“ ist sehr lehrreich. Vergangenes aber wichtiges wird dem Vergessen entrissen. Der politisch historische Roman von Max Brym spielt zwischen 1927 und 1937. Alle Figuren sind historisch verbürgt. Willi Münzenberg war tatsächlich mit seiner damaligen „ Arbeiter Illustrierten Zeitung“ einmalig. Der wichtige KPD Funktionär führte zuerst das Stilmittel der Reportage in die deutsche Presselandschaft ein. Der Abwehr- Apparat der KPD unter Hans Kippenberger leistete viel an Aufklärung und Zersetzungsarbeit. Aber dennoch war es nicht ausreichend. Die damalige Linie der KPD vor 33 war falsch und erleichterte es den Sozialdemokraten die notwendige Einheitsfront gegen den Hitlerfaschismus zu hintertreiben. Falsch war auch die damalige Propaganda vom Zentrumsfaschismus, Sozialfaschismus und Hitlerfaschismus. Aus dem Roman geht hervor wie wichtig eine richtige Faschismusanalyse ist. Gezeigt wird der heldenhafte Kampf gerade des Abwehr- Apparates der KPD gegen die Nazidiktatur. Unterschiedliche Personen wie Heinrich Brandler, Ernst Meyer, Werner Scholem, Ruth Fischer, Richard Scheringer, Hans Kippenberger, Leo Roth werden wieder lebendig. Überrascht hat mich die Beschreibung der letzten geheimen Opposition gegen den stalinistischen Kurs in Deutschland unter Heinz Neumann und Hermann Remmele. Nachdem der Autor viele Quellen angab konnte ich die mir bis dato nicht bekannte Opposition der Neumann Gruppe gegen Stalin nachvollziehen. Es viel mir Anfangs schwer daran zu glauben, denn Neumann richtete als Jünger Stalins viel Unheil in der KPD an. Aber Menschen können sich ändern. Für heute scheint mir besonders aktuell den Verbalradikalismus der KPD zu vor 33 zu vermeiden ohne ins sozialdemokratische Fahrwasser abzudriften. Mir viel auch auf, dass das damalige kommunistische Lager real in der Arbeiterbewegung verankert war und trotz einiger nationalistischer Schnitzer wesentlich immuner gegen rechte nationalistische Querfrontkonzeptionen- u.a. des Generals Schleicher- war als Teile der heutigen Linken. Lesenswert

Jutta Schulz München

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Oskar Quengels Auftrag, oder aus der KPD Geschichte lernen

 

Das Buch von Max Brym „ Oskar Quengels Auftrag- Für Kippenberger bei General von Schleicher“ ist sehr lehrreich. Vergangenes aber wichtiges wird dem Vergessen entrissen. Der politisch historische Roman von Max Brym spielt zwischen 1927 und 1937. Alle Figuren sind historisch verbürgt. Willi Münzenberg war tatsächlich mit seiner damaligen „ Arbeiter Illustrierten Zeitung“ einmalig. Der wichtige KPD Funktionär führte zuerst das Stilmittel der Reportage in die deutsche Presselandschaft ein. Der Abwehr- Apparat der KPD unter Hans Kippenberger leistete viel an Aufklärung und Zersetzungsarbeit. Aber dennoch war es nicht ausreichend. Die damalige Linie der KPD vor 33 war falsch und erleichterte es den Sozialdemokraten die notwendige Einheitsfront gegen den Hitlerfaschismus zu hintertreiben. Falsch war auch die damalige Propaganda vom Zentrumsfaschismus, Sozialfaschismus und Hitlerfaschismus. Aus dem Roman geht hervor wie wichtig eine richtige Faschismusanalyse ist. Gezeigt wird der heldenhafte Kampf gerade des Abwehr- Apparates der KPD gegen die Nazidiktatur. Unterschiedliche Personen wie Heinrich Brandler, Ernst Meyer, Werner Scholem, Ruth Fischer, Richard Scheringer, Hans Kippenberger, Leo Roth werden wieder lebendig. Überrascht hat mich die Beschreibung der letzten geheimen Opposition gegen den stalinistischen Kurs in Deutschland unter Heinz Neumann und Hermann Remmele. Nachdem der Autor viele Quellen angab konnte ich die mir bis dato nicht bekannte Opposition der Neumann Gruppe gegen Stalin nachvollziehen. Es viel mir Anfangs schwer daran zu glauben, denn Neumann richtete als Jünger Stalins viel Unheil in der KPD an. Aber Menschen können sich ändern. Für heute scheint mir besonders aktuell den Verbalradikalismus der KPD zu vor 33 zu vermeiden ohne ins sozialdemokratische Fahrwasser abzudriften. Mir viel auch auf, dass das damalige kommunistische Lager real in der Arbeiterbewegung verankert war und trotz einiger nationalistischer Schnitzer wesentlich immuner gegen rechte nationalistische Querfrontkonzeptionen- u.a. des Generals Schleicher- war als Teile der heutigen Linken. Lesenswert

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Mein lieber Vater! Ich muss dir einfach schreiben. Wir schreiben jetzt den Juni 1937 und ich bin ausgelaugt und am Ende. Wieder konnte ich kaum schlafen und wenn ich schlafe sehe ich Tote oder diejenigen, um deren Leben ich mich sorge. Meine Nerven spielen verrückt. Ich träume von Hans Kippenberger,…
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Wer sich des Vergangenen nicht erinnert

Hallo Max zu deinem Buch „ Oskar Quengels Auftrag – Für Kippenberger bei General von Schleicher“ möchte ich dir gratulieren. Wir kennen uns ja ziemlich gut. Wie du weißt hab ich als Kind den Holocaust überlebt. Auch deinen verstorbenen Vater als Überlebenden der Shoah kannte ich. Dich lässt die Geschichte nicht los. Du bist und bleibst ein linker deutscher Jude und das ist gut so. Die Fehler der Vergangenheit im Kampf gegen Nazis und Faschismus dürfen sich nicht wiederholen. Die KPD wollte einst gegen den Faschismus kämpfen und viele Mitglieder der KPD taten dies auch. Allein in Bayern wurden 5.000 Kommunisten nach dem Reichstagsbrand im März -April 1933 inhaftiert. Das waren die Hälfte der damaligen Mitglieder. Du zeigst in deinem Buch ganz wunderbar den verzweifelten Kampf vieler ehrlicher Arbeiter gegen den Faschismus. Aber die Linie der KPD war falsch. Dein Buch ist auch sehr aktuell. Auch heute gibt es Querfronten und einen falsch verstandenen Antikapitalismus. Neu war mir, dass neben der Linken KPD Opposition (Trotzkisten) und den damaligen sogenannten „Rechten“ um Brandler und Thalheimer (KPDO) auch letztendlich, der ehemalige Jünger Stalins Heinz Neumann und Hermann Remmele, einen entschiedenen Kampf gegen den Faschismus forderten statt einfach in die Illegalität abzutauchen. Beim lesen des Buches kahm mir immer wieder der Gedanke ob sich wohl heute soviel „Linke“ finden würden welche aktiven Widerstand betreiben würden. Ich denke eher nicht. Hoffnung macht mir allerdings ein Teil der Antifajugend. Ich wünsche dir alles GUTE und deinem Buch viele Leser

Alexandra Cohen

Danke und Shalom liebe Alexandra
Max

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Buchempfehlung -Geschichte ist geronnene Erfahrung

Sehr geehrter Herr Brym, ich bin 80 Jahre alt und habe ihr Buch „ Oskar Quengels Auftrag- Für Kippenberger bei General von Schleicher“ gelesen. Kompliment. Ich wurde im Osten Deutschlands groß, ihr Buch hat mir neue Zugänge zur Geschichte des deutschen Kommunismus, sowie des Kampfes gegen den Faschismus verschafft. Ihr Roman ist ein historisches Dokument ohne jegliche Heldenverehrung. Sie zeigen tapfere Klassenkämpfer in ihrem Widerspruch, Klar benennen Sie Fehler und Irrtümer bei deutschen Kommunisten. Die Verantwortung der damaligen Komintern Führung für die falsche Politik der KPD wird deutlich gemacht. Neu war mir ihre Darstellung der Neumann – Remmele Opposition, gegen die falsche Politik Stalins. Ich musste einiges nachlesen um Ihnen zu glauben. Aber es war wirklich so- Neumann wollte den Faschismus militant bekämpfen selbst auf die Gefahr einer Niederlage hin. Das war mir neu. Vielen Dank für ihre Ausführungen in dem Buch. Grundsätzlich finde ich Ihre Idee gelungen einen fiktiven Helden im Rahmen realer Geschehnisse wirken zu lassen. Ich finde es auch gelungen die Brandler Thalheimer Gruppe (KPO), die Versöhnler und die Trotzkisten in dem Buch vorkommen zu lassen. Alle hatten eine klarere Vorstellung über den Kampf gegen den Faschismus als die letzte KPD Führung in der Weimarer Republik. Dennoch findet bei Ihnen keine Negation der Person Ernst Thälmanns statt. Sie schildern ihn als ehrlich und kämpferisch. Allerdings gehorchte er zu stark der damaligen Moskauer Führung. Geschichte ist geronnene Erfahrung. Sie muss gekannt werden. Ihr Buch ist ein wertvoller Beitrag dazu. Ich befürchte nur, dass das Buch in ihrer Partei „ Die Linke“ wenig Leser finden wird. Diese Partei bezieht sich nicht mehr positiv auf den Klassenkampf sondern ist in weiten Teilen „ pragmatisch“ auf das Parlament fixiert. Wie Klassenbewusstsein entwickelt werden kann interessiert nur noch wenige. Viele wähnen sich in einer sogenannten „Zivilgesellschaft“ ohne Orientierung auf die Arbeiterklasse als revolutionäres Subjekt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Paul L Fürstenwalde ( geläutertes Ex SED Mitglied und Parteilehrer aber immer noch Revolutionär)

Ma Brym Den schönen Text habe ich privat beantwortet. Ihr dürft jetzt auch etwas lernen und mich noch reicher machen. PS: Ich schreib schon wieder ein neues Buch- Titel „ Mao und Ulbricht in Südbayern“. Bis es fertig ist im Januar 2018 bestellt das oben rezensierte Buch Viele Grüße

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Ein bezeichnender Brief zu meinem Buch aus Waldkraiburg

Aus einer E-Mail. „Hallo Max Brym du willst in deinem neuen Buch wieder einmal den Kommunismus rein waschen. Zugegeben du weißt sehr viel. Deine Distanzierung vom Stalinismus ist zwecklos. Du bist ein bleibst ein jüdischer Scharlatan . Ich kenn dich noch aus der Schule in Waldkraiburg. Du hast dich nicht geändert. Alfons E. Antwort- Ja ich hab mich nicht geändert- nur entwickelt- was man von dir nicht sagen kann. Du wars und bleibst ein latenter Antisemit.  Max Brym. PS: Mein Buch “ Oskar Quengels Auftrag- Für Kippenberger bei General von Schleicher“ ist direkt in der Buchhandlung Herzog in Waldkraiburg erhältlich. Oder direkt beim Verlag unter http://www.bookra-verlag.de/b16.html

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Oskar Quengels Auftrag Für Kippenberger bei General Schleicher

Ein etwas anderes Buch zur Geschichte der Arbeiterbewegung von Max Brym . Es geht um die Politik der KPD und speziell ihres Nachrichtendienstes.Personen wie Hans Kippenberger, Heinz Neumann, oder Willi Münzenberg werden wieder lebendig. Aber auch oppositionelle Kommunisten von Heinrich Brandler bis zu den damaligen linken trotzkistischen Gruppen in Deutschland. Der Held des Romans arbeitet als Doppelagent für die KPD bei General von Schleicher. Dargestellt wird u.a. die damalige rechte Querfrontstrategie. Deutlich wird, dass sowohl KPD wie SPD, den Antisemitismus der Nazis vor 1933 als lediglich taktisches Phänomen der Nazipartei in seiner mörderischen Konsequenz unterschätzten.  Es ist ein Buch gegen die Gegenwartsfanatiker. Aus historischen Erfahrungen muss gelernt werden. Das Buch kostet zwischen 9 Euro 90 und 12 Euro 90 . Es geht nur noch um die Anzahl der Bilder im Buch-  Erscheinungstermin ist Mitte März. Bestellungen unter http://www.bookra-verlag.de/bestellung.html   Erscheint im Bookra Verlag Leipzig . http://www.bookra-verlag.de/b16.html

Siehe auch http://www.hagalil.com/2017/03/oskar-quengels-auftrag/

 

 

Textauszug 1

 

Oskar Quengels Auftrag. – Für Kippenberger bei General von Schleicher.

Vorwort: Ein Haus in der Kirchgasse

In Berlin in einem Haus in der Kirchgasse wurden kürzlich die Böden erneuert. Arbeiter entdeckten beim Herausreißen in einer Bodendiele ein leicht vergilbtes Bündel. In dem Bündel steckte ein Text mit der Überschrift: “Brief an meinen Vater“.

Ein Arbeiter wollte das Notizbuch mit dem Text entsorgen, ein anderer meinte, „man sollte sich das nochmal anschauen“, denn der Text ist maschinengeschrieben und leicht lesbar. Das Büchlein endet im Jahr 1937.

Nun bin ich im Besitz des Schriftstückes und werde es publizieren. Denn diese Briefe an seinen Vater, stammen von einem gewissen Oskar Quengel, von dem wir nicht genau wissen, ob er so hieß und ob es ihn wirklich gab. Allerdings ist der Inhalt des Schriftstückes zeitgeschichtlich mehr als relevant. Oskar Quengel beschreibt seine Laufbahn als Doppelagent. Er arbeitete für den KPD-Funktionär Hans Kippenberger längere Zeit im Reichswehrministerium unter General von Schleicher. Nachdem General Schleicher als letzter Kanzler der Weimarer Republik durch Hitler und die nationalsozialistische Diktatur ersetzt worden war, wirkte Quengel weiterhin für den Nachrichtendienst der KPD. Er hatte unter anderem Verbindungen in die oberste SA-Führung. Quengel blieb immer ein Linker. Er war der Meinung durch seine Tätigkeit als Doppelagent der Weltrevolution wichtige Dienste zu erweisen. In der Emigration in Paris wurde Quengel dann jedoch vom Militärapparat der KPD abgehängt und in illegalen Rundbriefen als Renegat bezeichnet.

Das Leben Oskar Quengels endete im Selbstmord. Vorher machte er sich in dem gefundenen Brief an seinen Vater Luft. Sein Vater war ebenfalls ein Anhänger der KPD und lebte damals in Berlin Neukölln in der Kirchgasse. Wie der Text dorthin gelangte, wird ein Rätsel bleiben. Wir geben hier der fiktiven oder realen Gestalt von Oskar Quengel ausgiebigen Raum, um der heutigen Generation etwas über die damalige dramatische deutsche Geschichte zu erzählen.

 

 

 

Für Kippenberger bei General von Schleicher – Briefe an meinen Vater

Mein lieber Vater! Ich muss dir einfach schreiben. Wir schreiben jetzt den Juni 1937 und ich bin ausgelaugt und am Ende Wieder konnte ich kaum schlafen und wenn ich schlafe sehe ich Tote oder diejenigen, um deren Leben ich mich sorge. Meine Nerven spielen verrückt. Ich träume von Hans Kippenberger, Leo Roth, Heinz Neumann, Leo Trotzki oder dem General von Schleicher. Du wirst dich sich sicher fragen, wieso mein Denken um ein solches Potpourri unterschiedlichster Personen kreist und mich martert. Ich bin dir in der Tat einige Erklärungen schuldig. Vorher solltest du wissen, dass ich dich immer respektiert und dein großzügiges Arbeiterherz und deine Gesinnung geschätzt habe und teilte, auch wenn du seit 1915 nur noch spärlich Nachrichten von mir erhalten hast. Du hast dich als kleiner KPD-Funktionär sicher gefragt, was dein Sohn so treibt und warum wir keinen intensiven Kontakt hatten. Ich will dir alles erklären und dir Mut geben, damit du und meine geliebte Mutter, die faschistische Nacht übersteht.

Textauszug 2

Arbeit bei General Schleicher

In der Zeitung las ich, dass General Schleicher am 29. Januar 1929 zum Generalmajor befördert worden war. Am 1. Februar 1929 wurde Schleicher durch seinen langjährigen Mentor Wilhelm Groener, der seit 1928 Reichswehrminister war, zu dessen Chef des Ministeramts ernannt. Dies entsprach in anderen Ministerien dem Posten eines Staatssekretärs. Damit war er der einzige Offizier in der preußisch-deutschen Geschichte in einer Spitzenposition, ohne je ein Front- oder Truppenkommando innegehabt zu haben. Faktisch wurde General von Schleicher dadurch zum Mitglied der von dem Sozialdemokraten Hermann Müller geführten Reichsregierung. Münzenberg sagte mir unter vier Augen: “Dieser Schleicher ist eine gefährliche politisierende Natter“. Mein Chef Kippenberger warnte mich vor diesem politischen Intriganten und forderte mich auf, vorsichtig zu sein. Endlich am 7. Februar 1929 meldete sich Herr Rath bei mir. Dieser Kerl besaß die Unverschämtheit mich einfach in meinem Büro im Verlag der „Arbeiter Illustrierten Zeitung“ anzurufen. Er teilte mir mit, dass morgen das Gespräch mit dem verehrten Herrn General stattfinden würde. Ich sagte zu und bedankte mich für das Lob wegen der Enttarnung des KPD-Informanten in der Berliner Polizei. General Schleicher wollte sich mit mir in einem separaten Raum im Hotel „Unter den Linden“ treffen. Der Reichswehragent Rath sagte, ich solle einfach ins Café des Hotels kommen er würde mich dann dem Herrn General vorstellen. Ich erschien pünktlich gegen 17:00 Uhr in der Hotelbar. Ebenso pünktlich erschien Herr Rath und klopfte mir anerkennend auf die Schulter. Umgehend verließen wir die Hotelbar und suchten ein Nebenzimmer auf. Dort saß der berühmte General. Als er mich sah, sprang er auf und begrüßte mich überaus höflich. In Zivil machte dieser Herr einen völlig unmilitärischen Eindruck auf mich, er war relativ klein und hatte kaum mehr Haare auf dem Kopf.

Sofort begann der Generalmajor zu schnattern. Er überhäufte mich mit Komplimenten und meinte, dass die Reichswehr mehr politische Kontakte und Informationen von intelligenten Leuten benötige. Zuerst wollte er von mir etwas über die Lage innerhalb der KPD wissen. Er fragte nach unterschiedlichen Strömungen und Fraktionen. Scheinbar bereitwillig gab ich Auskunft. Ich schilderte den Austritt bzw. Ausschluss der sogenannten „Parteirechten“ um Heinrich Brandler und August Thalheimer. Auf seine Frage: „Wie stark sind die Austritts und Ausschlusswellen gewesen?“ antwortete ich: “Ungefähr 6000 Leute gingen mit Brandler, darunter viele ältere Gründungsmitglieder der KPD, hauptsächlich Betriebs- und Gewerkschaftsfunktionäre“. Auf die Frage, ob dies zu einer ernsthaften Spaltung der KPD führen könnte, meinte ich: “Nein, die KPD ist mittlerweile eine sehr junge Partei und die älteren Funktionäre gelten vielen als Opportunisten.“ Ich schilderte dem General, dass die Mitglieder und meisten Funktionäre mit den Beschlüssen des sechsten Weltkongresses der Komintern im wesentlichen einverstanden seien. Viele glauben tatsächlich an eine dritte Periode bzw. an die bevorstehende Revolution, einhergehend mit der Radikalisierung breiter Massen. Der General lächelte und bedeutete mir doch mit meinem Bericht fortzufahren. An einer Stelle unterbrach er mich und fragte nach der Rolle der „Versöhnler“ in der KPD. Dazu sagte ich, dass die „ Versöhnler“ um Ernst Meyer und Arthur Ewert zwar noch im ZK säßen, aber ihr Einfluss auf die jungen Mitglieder der KPD „sei beschränkt“. Schleicher grinste und erklärte: “Ich glaube die KPD macht sich selbst fertig. Erfahrene Leute werden als Opportunisten gebrandmarkt und ausgeschlossen, gut so.“ Freundlich nickte ich dem Herrn General zu. Letztendlich wollte er von mir noch wissen, inwieweit die Anstrengungen der KPD, die Reichswehr zu zersetzen, Erfolge hätten. Diese Frage war gefährlich. Dennoch konnte ich mit gutem Gewissen antworten: “Aber Herr Generalmajor sie wissen doch, dass die Reichswehr eine Berufsarmee ist und die wenigsten Soldaten aus einem Milieu stammen, welches für die KPD ansprechbar ist.“

Schleicher bat mich doch für das nächste Treffen etwas genauere Informationen über diesen Aspekt der kommunistischen Arbeit zu liefern. Letzteres sagte ich zu. Doch dann überraschte mich der General. Er erklärte feierlich: “Sie sind der richtige Mann, der mich in Sachen Kommunismus beraten kann. Bitte betrachten Sie sich als meinen persönlichen Mitarbeiter und nicht als Mitarbeiter der Abwehr. Ich benötige Leute mit politischem Instinkt und politischer Erfahrung. Sie scheinen mir der Richtige zu sein. Ich will mich unabhängig von Canaris informieren.“

Offensichtlich war Schleicher ein Spieler. Er ging davon aus, dass ihn seine persönliche Wirkung und sein Instinkt in die richtige Richtung lenken würden. Wir vereinbarten ein neues Treffen gegen Ende Februar und er forderte von mir, noch einige persönliche Daten von kommunistischen Spitzenfunktionären mitzubringen. Er reichte mir die Hand und ging. Der Handschlag war offensichtlich ein Vertrag zwischen mir und General Schleicher. Nachdem Schleicher gegangen war, begleitete mich Herr Rath noch auf die Straße und sagte: „Du hast den Herrn General von Schleicher im Handumdrehen überzeugt. Aber Vorsicht, ich passe auf dich auf und sorge dafür, dass alle Berichte exakt kontrolliert werden, denn der General ist oftmals ein bisschen zu voreilig.“ Bei diesen Worten lief es mir eiskalt über den Rücken.

 

Gespräch mit Kippenberger

Natürlich berichtete ich umgehend meinem Chef und eigentlichen Auftraggeber, Hans Kippenberger, von dem Termin mit General Schleicher. Kippenberger lobte mich und brachte zum Ausdruck, dass es für die KPD sehr wichtig sei, Informationen und Planungen aus der Reichswehrspitze direkt zu erfahren. Auf meine Frage, was ich dem General denn so alles liefern sollte, gab Kippenberger gab mir den Rat, eine Mischung aus bereits Bekanntem, aber auch Unbekanntem über die Führung der KPD zu liefern, sowie Neuigkeiten über unsere Opposition. In der Tat, die KPD hatte Anfang 1929 vielfältige Probleme. Im Oktober 1928 war unser Parteiführer Ernst Thälmann im Rahmen der so genannten Wittdorf- Affäre für etwas mehr als eine Woche von seinen Funktionen als KPD-Vorsitzender entbunden worden. In Hamburg hatte John Wittdorf, ein enger Vertrauter von Thälmann, Parteigelder unterschlagen und Thälmann hatte versucht, dies vor dem leitenden Gremium der Partei geheim zu halten. Die Versöhnler und die „Rechten“ versuchten diesen Vorgang zu nutzen, um Thälmann, der jeden Befehl Stalins ausführte, zu stürzen. Das konnte sich Stalin nicht gefallen lassen. Die Amtsenthebung Thälmanns wurde rückgängig gemacht und die Angelegenheit als Verschwörung der Rechten gegen die Beschlüsse des sechsten Weltkongresses der Komintern gewertet. Der Fall Wittdorf wurde nie richtig aufgeklärt. Klar war allerdings, wie schwach die Opposition gegen die Beschlüsse des sechsten Weltkongresses der Komintern innerhalb der KPD eigentlich war. Man benötigte letztendlich eine Affäre, um Beschlüsse des Weltkongresses in Frage zu stellen.

Textauszug 3

Die Liste für General Schleicher

Ernst Meyer

Mehrere Wochen arbeitete ich an der Personalliste für General Schleicher. Ich begann mit Ernst Meyer. Nach meinem Erinnerungsvermögen schrieb ich über ihn: „Ernst Meyer ist innerhalb der KPD-Führung isoliert. Zudem ist er häufig krank und sensibel. Oft versteht er es, zu einer realistischen Beurteilung der Lage zu kommen. Sein Mitkämpfer Arthur Ewert ist zwar gesund, aber ohne Meyer, oft argumentativ und rhetorisch überfordert. Die Frau von Ernst Mayer ist die Witwe des kommunistischen Revolutionärs Eugen Levine. Im Apparat der KPD hat Mayer nur geringen Einfluss. In seiner Funktion als Parteivorsitzender 1922 kümmerte er sich nie um die Zusammenstellung der Kader innerhalb des Apparats. Er hat allerdings Sympathisanten und Mitkämpfer im Bereich der betrieblichen Gewerkschaftsarbeit. Fast die gesamte geschlossene hauptamtliche Fraktion, die in Berlin die INPREKORR (Internationale Pressekorrespondenz- Organ der kommunistischen Internationale) herausgibt, steht auf der Seite Ernst Meyers. Allerdings hegt Meyer keine besonderen Sympathien für ein Heinrich Brandler und seine Freunde. Auf dem Parteitag in Leipzig Anfang Januar 1923 wurde Ernst Meyer als Parteivorsitzender mit Wissen und Zustimmung der Komintern-Führung eiskalt von Brandler abserviert. Der blasse Intellektuelle Ernst Meyer schien den Kominternleuten nicht dazu geeignet, um den Arbeiterführer in Deutschland zu geben. Im Oktober 1923 als es zu den sogenannten Arbeiterregierungen in Thüringen und Sachsen kam, wandte sich Meyer dann gegen die Politik von Brandler und warf ihm Zögerlichkeit und Opportunismus vor. Die Kommunistische Internationale betrachtete diese Regierungen als Ausdruck wachsender Aktivität und Unzufriedenheit der Arbeitern und Arbeiterinnen. Aus Thüringen und Sachsen sollte der Startschuss für den deutschen Oktober erfolgen. Letztendlich wurde der Aufstand abgeblasen, nachdem Brandler auf einem Betriebsrätekongress in Chemnitz dazu keine Mehrheit erhalten hatte. Meyer warf – genau wie Trotzki – Brandler vor, sich von einem sozialdemokratisch dominierten Kongress abhängig gemacht zu haben, anstatt zur Tat zu schreiten. Auf der anderen Seite war Ernst Mayer entschiedener Gegner der Ultralinken, welche im Frühjahr 1924 die Partei eroberte. Meyer repräsentierte damals die so genannte Mittelgruppe innerhalb der KPD, auf die auch der damalige Vorsitzende der Komintern, Grigori J. Sinowjew, setzte.

 

Heinz Neumann

Über Heinz Neumann schrieb ich damals: “Er ist intellektuell dem Parteiführer Ernst Thälmann weit überlegen. Zudem verfügt er über ausgesprochen rhetorische Fähigkeiten. Genau betrachtet ist Heinz Neumann der Spiritus Rector innerhalb des Sekretariats der KPD. Bis dato erfreut er sich einer besonderen Wertschätzung durch Stalin. Heinz Neumann ist wendig und im Umgang mit so genannten Abweichlern nicht sonderlich zimperlich. Es kursiert das Gerücht, dass er alle wichtigen Reden für Ernst Thälmann schreibt. Die alte Generation, angeführt von Clara Zetkin und Wilhelm Pieck, steht Neumann mit einer gewissen Skepsis gegenüber. Neu ist, dass Neumann sich offensichtlich fest gebunden hat. Ob dies allerdings das Ende seiner zahllosen Frauenaffären bedeutet, bleibt abzuwarten. Bei aller Treue gegenüber Stalin ist und bleibt Neumann jedoch ein selbstständiger selbstbewusster Kopf.“

 

Hermann Remmele

Zusammen mit Thälmann und Neumann bildet Hermann Remmele, die eigentliche Führung der KPD. Remmele wird mit knapp 50 wegen seiner Erfahrung in der Bewegung sehr geschätzt. Den Opponenten Neumann fällt es schwer, die gegenwärtige Führung der KPD anzugreifen, da sie die Autoritätsperson Remmele deckt. In Wahrheit jedoch benötigt der Praktiker Remmele den wendigen Theoretiker Neumann, denn Remmele ist zwar ein guter, aber kein hervorragender Redner.

 

Ernst Thälmann

Ernst Thälmann hält sich viel darauf zugute, aus dem Proletariat zu stammen. Viele Arbeiter und Anhänger der KPD, speziell in Hamburg, sehen in ihm ihresgleichen. Die Rhetorik von Thälmann provoziert bei den Intellektuellen innerhalb der KPD des öfteren geradezu Verzweiflungszustände. Wenn Ernst Thälmann nicht vom Blatt abliest, passieren ihm immer wieder unmögliche verbale Schnitzer. Auf einer KPD Versammlung meinte er einmal allen Ernstes: “Die Frauen gehören mit den eigens dafür geschaffenen Organen bearbeitet.“ Natürlich macht sich die Parteiintelligenz über solche Ausrutscher lustig, aber solche Schnitzer schaden dem Arbeiterführer beim proletarischen Anhang nicht im Geringsten. Auch die Affäre im letzten Jahr führte bei vielen Arbeitern, die in Ernst Thälmann Ihrem Führer sehen zu Mitleid und sogar zur aktiven Solidarisierung. Bei allen Schwächen ist Ernst Thälmann ein nicht zu unterschätzendes Aushängeschild der Partei. Thälmann verfügt mittlerweile über viel organisatorische Erfahrung, doch schwankt er zwischen übersteigertem Selbstbewusstsein und Minderwertigkeitskomplexen.

 

Walter Ulbricht

Der Sachse Walter Ulbricht wird in der KPD nicht geliebt. Sein absoluter Pluspunkt ist seine ständige Betriebsamkeit und die Liebe zum Detail. Nicht umsonst hat er in der Partei den Spitznamen „Genosse Zelle“. Walter Ulbricht wird mit Sicherheit dem neuen Zentralkomitee angehören und dort wie immer einer der am besten Informierten sein. Seine Außenwirkung hingegen ist mehr als bescheiden. In seinen Jahren in Moskau (er war dort Vertreter der KPD bei der Komintern) hat er nicht auch nur ein bisschen russisch gelernt. Walter Ulbricht hat es geschafft, sich von allen seinen alten Freunden Heinrich Brandler und Thalheimer rechtzeitig zu distanzieren. Er wird als Aktivist im neuen Zentralkomitee mit Sicherheit benötigt.

 

Leo Flieg

Leo Flieg gehörte bis dato jeder KPD Führung an. Flieg ist ungeheuer fleißig und ein überzeugter Bolschewik, was man ihm ob seines blassen Aussehens und seiner schmächtigen Statur nicht zutraut. Vom Typ her würde er eher als Büroangestellter einer Versicherungsgesellschaft durchgehen. Dennoch ist Flieg ein überzeugter Revolutionär, der auch im Stande ist konspirativ zu arbeiten. Mit Heinz Neumann verbindet ihn eine enge Freundschaft. Leo Flieg gehört zum engen Freundeskreis des KPD Chef -Agitators Willi Münzenberg.

 

Willi Münzenberg

Willi Münzenberg ist nicht nur im Reichstag aktiv, sondern er leitet auch das umfassende KPD Propagandaunternehmen. Münzenberg gibt die „Arbeiter Illustrierte Zeitung“ und organisiert publikumswirksam jeden Propagandafeldzug der KPD. In seinen Verlagshäusern erscheint die kleine Arbeiterbibliothek, die im Rotationsdruckverfahren hergestellt wird. Dadurch können die Werke von Marx, Engels und Lenin günstig angeboten werden. Daneben betreibt er ein florierendes Geschäft mit sowjetischen Filmen. Es dürfte bekannt sein, dass Münzenberg solche Filme gezielt einsetzt und des Öfteren – speziell während der Wahlkampagnen – Filme als rollende Kinos auch in den abgelegensten Landgemeinden zeigt. Münzenberg ist der fähigste Propagandist der KPD, seine rhetorischen Fähigkeiten sind nicht zu unterschätzen. In Privatgesprächen mit Intellektuellen, die der Partei nahe stehen, kann Münzenberg sehr charmant sein.

 

Hans Kippenberger

Wie Ihnen bekannt sein dürfte, leitet der ehemalige Leutnant Kippenberger den Abwehrapparat der KPD. Unter seiner Führung steht der Nachrichtendienst, sowie der militärische Zersetzungsapparat, kurz M-Apparat genannt. Hans Kippenberger ist Mitglied des Reichstages und versucht mit seinen Erkenntnissen die KPD Politik maßgeblich mitzugestalten. Gegenüber der Reichswehr hat sein Zersetzungsapparat aber bis dato nichts Wesentliches bewerkstelligt. Zwar gibt es einige KPD-Zeitungen für Reichswehrangehörige, diese verfehlen allerdings ihre Wirkung verfehlen. Dennoch hatte es Kippenberger offensichtlich geschafft, einige Informanten speziell innerhalb der preußischen Staatspolizei unterzubringen. Kippenberger umgibt sich mit jungen Leuten, die den Parteimitgliedern unbekannt sind und auch mir sind seine Mitarbeiter nicht namentlich bekannt.

 

General Schleicher ist zufrieden

Selbstverständlich, lieber Vater, lieferte ich Schleicher nur ein Konspekt des Geschriebenen sowie einige Informationen, die zum Teil aus fraktionellen Gründen weitergegeben werden sollten. Nachdem Herr Rath das Papier erhalten hat, wurde ich kurze Zeit darauf eingeladen, General Schleicher wie zuvor bereits in dem eleganten Nebenraum des Hotel Adlon zu treffen. Die „vibrierende“ Natter Schleicher begrüßte mich herzlichst. Mein Bericht schien ihm gefallen zu haben. Im Lauf des Gespräches wurde mir immer deutlicher, dass dieser deutsche Militarist sich selbst als politisches Genie und ausgesprochenen Menschenkenner betrachtete. Mit tiefem Blick in meine Augen teilte der General mir mit: “Jetzt bin ich endgültig davon überzeugt, wie nützlich Sie für mich sein können.“ Dann begann er zu monologisieren und legte nur noch Wert darauf, dass ich im zustimmend zunickte. Doch eröffneten sich mir aus Schleichers Monolog einige interessante Perspektiven. So war ihm die Unzufriedenheit mit der SPD-geführten Regierungskoalition anzumerken. Die Regierung Hermann Müller hatte ihr Wahlversprechen gebrochen und statt der Kinderspeisung Geld für den Panzerkreuzer A bewilligt. Damit war von Schleicher zufrieden, aber er meinte: “Ich hab die Schnauze voll davon, immer die Herren überzeugen zu müssen. Die Entscheidungen der Regierung dauern mir viel zu lange. Da lobe ich mir doch Josef Stalin, der einfach ohne irgendjemand zu fragen seinen Hauptkonkurrenten Leo Trotzki in die Türkei verbannen konnte.“ Zusätzlich äußerte er sich optimistisch bezüglich der neuen Führung in der Sowjetunion. Sinngemäß brachte er zum Ausdruck, dass deren Politik zwar abenteuerlich sei, es aber auf der anderen Seite doch nur um die ewigen Interessen von „Mütterchen Russland“ ginge. Gleichzeitig meinte er, dass sich die KPD in Deutschland maßlos selbst überschätze und sich mit ihrer Politik gegenüber der Sozialdemokratie langfristig isoliere.

Mit einigen kurzen Einwürfen billigte ich die Argumentation des Generals. Mein Verstand sagte mir, dass er in der Tat die Klassenlage und das Klassenbewusstsein in Deutschland realistischer einschätzte als die Führung der KPD. Gegen Ende des Treffens meinte General Schleicher: „Am 1. Mai ist was im Busch. Der SPD Polizeipräsident Zörgiebel bereitet etwas gegen die KPD vor. Ich hoffe der Kerl stellt sich nicht so blöde an wie das Weichei Severing ( SPD Innenminister von Preußen ).“ Mit diesen letzten Bemerkungen war ich entlassen und konnte gehen. Umgehend informierte ich einen Kurier Kippenbergers und bat um ein Gespräch.

 

Kippenberger lobte mich

Interessiert und amüsiert nahm Hans Kippenberger meinen Bericht zur Kenntnis. Er meinte, ich solle mich unbedingt noch mit dem stellvertretenden Vorsitzenden des Roten Frontkämpferbundes, Willi Leow, treffen. Verächtlich erklärte Kippenberger: „Informier´ diese Leuchte des antifaschistischen Kampfes und weis´ ihn daraufhin, dass es am 1. Mai knallen könnte.“

Ein junger, roter James Bond – Die Erinnerungen von Willi Münzenber

Ein junger, roter James Bond – Die Erinnerungen von Willi Münzenberg

Die Erinnerungen von Willi Münzenberg an seine Zeit in der sozialistischen Jugendbewegung. „Die Dritte Front“, neu herausgegeben von einem Schweizer Verlag.

Ein junger, roter James Bond – Die Erinnerungen von Willi Münzenberg

Man schreibt das Jahr 1906. Zwei junge Arbeiter aus einer Schuhfabrik stehen vor dem Verein „Propaganda“ in Erfurt. Keiner der beiden traut sich, die wöchentliche Versammlung zu betreten – denn sie sind sich nicht mal sicher, was „Propaganda“ bedeutet. Doch schließlich gehen sie die Treppe hinauf und hören sich einen Vortrag an.

Damit beginnt für den 16-jährigen Willi Münzenberg eine fulminante Laufbahn in der Arbeiter*innenbewegung. Einige Jahrzehnte später sitzt er im Reichstag und leitet riesige kommunistische Verlagshäuser in Deutschland, weshalb er auch als „roter Millionär“ verspottet wird.

„Die Dritte Front“ von 1930 ist keine Autobiografie – dafür ist Münzenberg zu jung gestorben. Es sind Erinnerungen aus den 15 Jahren, die Münzenberg in der sozialistischen Jugendbewegung aktiv war, untermalt mit lebendigen Anekdoten. Auf Szenen aus der Kindheit verzichtete der Autor komplett – sein Leben beginnt quasi erst mit dem Eintritt in einen sozialistischen Verein.

Der Teenager fängt mit Agitation unter Lehrlingen an, und steht bald nicht nur im Konflikt mit der preußischen Polizei, sondern auch mit der Bürokratie der Sozialdemokratischen Partei und der Gewerkschaften. 1910 geht der junge Arbeiter „auf die Walze“ und landet in Zürich, wo er Funktionär der sozialistischen Jugend der Schweiz wird.

Der Beginn des Ersten Weltkrieges ist ein Schock: Die SPD und die meisten sozialistischen Parteien unterstützen das Gemetzel ihrer jeweiligen Regierung. Die neutrale Schweiz wird ein Sammelplatz für Internationalist*innen aus ganz Europa. Die Jugendorganisationen etablieren eine neue „internationale Verbindung“, um ihre Anti-Kriegs-Aktvitäten über die Grenzen hinweg zu koordinieren. Münzenberg wird Sekretär dieser Verbindung und diskutiert viel mit W.I. Lenin und anderen exilierten Revolutionär*innen.

Mit dem Ende des Weltkrieges beginnt die Revolution in Deutschland. Unter Bedingungen des Ausnahmezustandes und des Bürger*innenkrieges wird im November 1918 in einem Neuköllner Kneipenhinterzimmer die „Kommunistische Jugendinternationale“ gegründet – Münzenberg leitet die Tagung. Die KJI soll autonom von der Kommunistischen Internationale bleiben, die ein halbes Jahr zuvor in Moskau entstanden war. Die Exekutive der revolutionären Jugend arbeitet in einem illegalen Büro in Berlin.

Die Jugendlichen schätzen ihre Eigenständigkeit vom Komintern-Apparat in Moskau. Die führenden Funktionäre reisen quer durch Europa, oft illegal, um die sozialdemokratischen Jugendverbände zu spalten und für den Kommunismus zu gewinnen. Münzenberg berichtet von tagelangen Polizeiverhören und nächtlichen Grenzübertritten – er scheint in jenen Jahren ein junger, roter James Bond gewesen zu sein.

1921 scheidet Münzenberg aus der Jugendinternationale aus. Seine Darstellung dieses Schritts im letzten Kapitel des Buches muss man aber leider als falsch bezeichnen. Denn es war weder eine freiwillige, noch dem Alter geschuldete Entscheidung. Die Komintern wollte ihre Jugend stärker unter ihre Kontrolle bringen und die Exekutive nach Moskau verlegen. Münzenberg verlor den Kampf um die Autonomie der Jugend. Das wissen wir nicht nur aus der Biographie seiner Lebensgefährtin, Babette Groß, sondern aus seinen eigenen Artikeln in der Zeitung „Jugend-Internationale“ aus dieser Zeit. Doch in seinen Erinnerungen schweigt er eisern dazu.

Als dieser Kampf verloren war, widmete sich Münzenberg nunmehr einem neuen Projekt: der Internationalen Arbeiter-Hilfe. Dass er seinen Austritt aus der KJI falsch darstellte, lag sicherlich an der Zeit: Als Münzenberg im Jahr 1929 schrieb, blühte bereits der Stalinismus in der Sowjetunion – kein Wunder, dass Münzenberg seinen alten Streit mit Lenin und Trotzki verheimlichen wollte.

Diese Neuauflage, auf der Grundlage eines Nachdrucks aus den 70ern, bietet nicht nur einen Anhang mit Dokumenten aus der sozialistischen Jugendbewegung, sondern auch zahlreiche Fotos. Leider fehlt ein Inhaltsverzeichnis. Eine kleine Ironie der Edition: Münzenberg agitierte viele Jahre rund um die Uhr für die vollständige Trennung der Kommunisten von den Sozialdemokraten. Doch sein Buch wird jetzt von der trotzkistischen Gruppe „Funke“ herausgegeben, die in der sozialdemokratischen Jugend der Schweiz arbeitet.

Manche Historiker*innen wollen aus Münzenberg einen republikanischen Verleger machen, der nur aus jugendlicher Romantik zeitweilig vom Kommunismus verführt war. Aber in seinen eigenen Worten sehen wir einen jungen Berufsrevolutionär – ein Leninist im wahrsten Sinn, der sein Leben in den Dienst der Revolution stellte.

Willi Münzenberg: Die Dritte Front. AdV Verlag. 412 S., geb., 15 €.

Entnommen aus https://www.klassegegenklasse.org/ein-junger-roter-james-bond-die-erinnerungen-von-willi-muenzenberg/